Baustelleneinrichtung

künstlerischer ‘Ausgrabungsarbeiten’

am Wiener Nordwestbahnhof

Construction site set-up

of the artistic ‘excavation works’

at the Vienna North West Station

Überlagerung eines Luftbildes des Areals des Wiener Nordwestbahnhofs aus dem Jahr 2015 mit dem Einreichplan der Einbauten für die NS-Propaganda-Ausstellung „Der ewige Jude“ (1938) im Bestand des später zerstörten Bahnhofsgebäudes (schraffiert) an der Ecke Taborstraße und Nordwestbahnstraße.
In einer großräumigen Freiluft-Installation werden „Spuren“ zweier historischer Ereignisse zeitlich verdichtet an ihren Originalschauplätzen rekonstruiert: Analog zu „Ausgrabungen“ wurden sowohl die Grundrisslinien der 1952 abgebrochenen Bahnhofshalle und der 1938 darin aufgebauten antisemitischen NS-Propaganda-Ausstellung „Der ewige Jude“ im Maßstab 1:1 am Boden nachgezeichnet und als Erinnerungsmal „freigelegt“. Gleichzeitig wird mit Verweis auf die Dreharbeiten des Films „Stadt ohne Juden“ ein Kameraset und Zugwaggon in abstrahierter Form nachgebaut. War die fiktive Deportation im Film von 1924 noch vorübergehend, so zeigte die verhetzende Wirkung der Ausstellung 1938 ihre fatale Wirkung im Realen: in Pogromen, Deportationen und Massenvernichtung.
In a large-scale open-air installation, “traces” of two historical events are reconstructed in condensed time at their original locations: Analogous to “excavations”, both the ground plan lines of the station hall demolished in 1952 and the antisemitic Nazi propaganda exhibition “The Eternal Jew” set up inside here in 1938 were traced on the ground on a scale of 1:1 and “uncovered” as a commemorative monument. At the same time, with reference to the filming of the movie “City without Jews”, a camera set and train carriage are recreated in an abstracted form. If the fictitious deportation in the 1924 film was still temporary, the inciting effect of the exhibition in 1938 showed its fatal effect in the real: in pogroms, deportations and mass extermination.
Der Nordwestbahnhof als Drehort für die fiktive (noch vorübergehende) Deportations-Szene im Film „Stadt ohne Juden“ (1924) nach einer Romanvorlage von Hugo Bettauer. Blick der Kamera auf das Postgebäude, das heute noch erhalten ist. © Filmarchiv Austria
Der Mittelrisalit des Portal-Gebäudes des heute nicht mehr existenten Nordwestbahnhofs an der Taborstraße Ecke Nordwestbahnstraße diente als Träger des riesigen antisemitischen Plakates und als Eingang zur Ausstellung „Der ewige Jude“ 1938. © Bildarchiv Austria

Die Methode der fiktiven Ausgrabungen bezieht sich auf Siegmund Freuds Analogie von Psychoanalyse und Stadtarchäologie, die Freud zufolge beide jeweils anhand der Untersuchung auf den ersten Blick unscheinbar erscheinender Spuren versuchen, überlagerte oder verdrängte Schichten freizulegen: im Unterbewusstseins eines Individuums, einer Gesellschaft oder bezüglich der Bautappen und Geschichte(n) einer Stadt.

So wie sich Walter Benjamin in seinem Passagenwerk auf diese Analogie bezogen hat, so hat auch der Architekt und Architekturtheoretiker Peter Eisenman nach seiner streng strukturalistischen Frühphase ab 1978 „Excavations“ als städtebauliche Entwurfsmethode erprobt: er suchte nach realen und fiktiven Bauprojekte aus der Geschichte des konkreten Standortes, überlagerte deren Grundrisslinien und extrudierte sie ins dreidimensionale – sowohl in die Höhe als auch in die Tiefe (in das Erdreich), um aus dem Spannungsverhältnis der enstehenden Zwischenräumen dieser Überlagerungen (den „Voids”) neue Raumformationen zu schaffen.

Auch wir verstehen unsere „Ausgrabungsstätte” zum Einen als Markierung unserer voranschreitenden Erinnerungsarbeit an frühere Bauformationen und die mitunter folgenschweren Nutzungen des Bahnhofs in totalitären Zeiten: die mächtigen Gebäuden und temporären Einbauten existieren schon lange nicht mehr, sind weitgehend in Vergessenheit geraten oder aus der Erinnerung verdrängt worden. Zum anderen verstehen wir unsere “Excavations” aber auch als Vorschlag, diese gemeinsame Erinnerungen zu erhalten und als materielle Manifestationen in die zukünftige Freiraum-Gestaltung des an dieser Stelle geplanten neuen Stadtteils einzuschreiben.

The method of fictitious excavations refers to Siegmund Freud’s analogy of psychoanalysis and urban archaeology, both of which, according to Freud, attempt to uncover superimposed or repressed layers by examining traces that appear inconspicuous at first glance: in the subconscious of an individual, a society, or with regard to the materialised building stages and history(s) of a city.

Just as Walter Benjamin referred to this analogy in his famous Passagenwerk about the City of Paris, the architect and architectural theorist Peter Eisenman also proposed such “excavations” as an urban design method after his strictly structuralist early phase: Beginning in 1978 in a projct for Venice, he started to search for previous real and fictitious building projects for the very same site, then superimposed the ground plan lines of these projects and extruded them both in height and in depth (into the soil) – in order to create new spatial formations from the tense relationship of the resulting interstices of these superimpositions (the “voids”).

We, too, understand our “excavation site” on the one hand as a marker of our advancing work of remembrance of earlier building formations and the sometimes momentous uses of the station in totalitarian times: of mighty buildings and temporary installations that have long since ceased to exist, have largely been forgotten or have been suppressed from memory. On the other hand, we also understand our “excavations” as a proposal to preserve these triggers of commemoration and to inscribe them as material manifestations in the future landscape-design of the new urban development planned for this site.

Literatur / Quellen:

Bedard, Jean-Francois et al. (Eds.): “Cities of Artificial Excavation: The Work of Peter Eisenman, 1978-1988”. New York: Rizzoli International, 1994.