TERMINALS. Haltepunkte und Netzwerkknoten vorübergehender Gemeinschaften

13. August 2012

Kontext

Wenn Reisen und der zeitweise Aufenthalt an mehreren Orten zunehmend den Alltag prägt, werden Terminals als Indikatoren für sozialräumliche Transformationsprozesse und gesellschaftliche Umbruchphasen interessant:

Bahnhöfe, Flughäfen, U-Bahnstationen, Grenzterminals, Raststätten, Tankstellen, Kioske und Imbissbuden, Schiff-Terminals, Truck-Stops, Bus-Terminals, Seilbahnstationen, u.v.m. sind wichtige Scharniere auf den Wegen durch unsere beschleunigte postmoderne Lebenswelt. Tag täglich passieren wir als soziale Akteure Knotenpunkte, an denen sich transnationale wie regionale Routen schneiden und überlagern. Ob als Reisende/r in der Business-Class – als PauschaltouristIn im Billigflieger – unterwegs im Reisebus als in der Diaspora lebende/r MigrantIn – als PendlerIn auf der Autofahrt zur Tankstelle oder per Bahn durch den suburbanen Raum.

Dort, an den Umsteige- und Haltepunkten wo die Mobilitätsströme kurz abreißen kollidieren Welten, verknüpfen sich multilokale Akteurs-Netzwerke, bilden sich zyklisch vorübergehende Gemeinschaften. Während Teilbereiche der Terminals als identitätslose Nicht-Orte fungieren werden andere zu Orten der Identifikation, an denen jede(r) Einzelne(r) Sinnstiftung und soziale Anerkennung erfahren kann. Gerade weil Terminals Relais bzw. Schaltstellen global vernetzter Ökonomien sind, sind diese auch Orte der Wertschöpfung, die vielen eine Grundlage für ihr ökonomisches Überleben bieten.

Sozialräumliche Transformationen

Unmittelbar an den Hauptrouten der globalen Verkehrsströme liegen geplante und kontrollierte Terminals, die zu gigantischen labyrinthischen Agglomerationen angewachsen sind und sich – den Anforderungen der transnationalen Märkte folgend – rhizomatisch ausdehnen oder zusammenziehen. Im Inneren werden die Bewegungen der Akteure von bewußt gesetzten Schwellen und Grenzen klar moduliert – an ihnen werden soziale Ungleichheiten augenfällig.

Parallel dazu existieren entlang der Haupt- und Nebenrouten eine Reihe von inoffiziellen Haltepunkten, die ihren eigenen und jeweils sehr speziellen Logiken gehorchen. An diesen Orten gestalten sich die räumlichen und sozialen Strukturen bei weitem informeller und ephemerer, dort sammeln sich die „Kriechströme“, wickeln die „Ameisenhändler“ (Karl Schlögel) ihre informellen Geschäfte ab, bilden sich Heterotopien für die weniger beachteten Akteure.

Im Zuge des Projektes werden Kreuzungspunkte von Fortschrittsbewegungen und soziale Veränderungen, die in engem Zusammenhang mit regionalen und internationalen Wanderungsbewegungen stehen den Blick genommen. Es stellt sich die Frage, in welcher Weise sich eine globalisierte und international vernetzte Mobilitätskultur auf die Lebenswirklichkeit von Einzelnen auswirkt und deren Biografien prägt, welche Zwänge möglichen erweiterten Handlungsmöglichkeiten gegenüberstehen – und weiters, welche Auswirkungen sich auf die Ausprägung lokaler Realitäten, Loyalitäten und Identitäten ergeben. Auf übergeordneter Ebene fokussiert das Projekt – im Sinne der Trias „Politic, Polity, Policy“ – die Intentionen der Akteure und Stakeholder die vor dem Hintergrund formeller Strukturen handeln und direkten Einfluss auf die Gestalt dieser liminalen Zonen nehmen. Zieht man all diese Aspekte in Betracht, so haben Terminals ein immanent politisches Potenzial.

Ziel / Vorhaben

Ziel des Projektes ist es aufzuzeigen wie sich über die letzten Jahrzehnte exemplarisch ausgewählte Terminals als wichtige transnationale Knotenpunkte entlang ihrer Verkehrsrouten herausgebildet und verändert haben. Im Projekt wird einerseits auf die Veränderungen der sozialräumlichen Bezugsysteme auf der Mikroebene eingegangen, die deutlich von den Einflüssen transnationaler migrantischer und touristischer Erfahrungen und den täglichen Pendlerbewegungen geprägt sind. Auf der anderen Seite werden sozialräumliche Transformationsprozesse auf der Makroebene, die im Zusammenhang mit einem globalisierten Waren- und Personenverkehr wirkmächtig werden und den Arbeits- und Lebensalltag der lokalen Identitäten maßgeblich verändern fokussiert.

Den beiden Ebenen wird auch in der Auswahl und der Entwicklung der Darstellungsformate Rechnung getragen. So wird das auf der Mikroebene – bspw. über qualitative Interviews – recherchierte Material bereits unmittelbar nach jeder Recherche künstlerisch in Narrationen (Comics, Zeichnungen, Audio, Video, usw.) gebündelt und übersetzt. Für die Darstellung der Zusammenhänge auf der Makroebene werden Karten, Mappings, Darstellungen im Sinne der Isotypie (Otto Neurath), usw. herangezogen und entwickelt.

Methoden / Case Studies

Die Materialgenerierung erfolgt zum einen über eine Serie von Feldforschungen. Im Zuge einer Serie von vier einwöchigen Reisen (Beginn im September 2011) suchen wir Terminals in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (mit Schwerpunkt auf den Schwarzmeeraum) auf. Die Orte sind z.B.: Ein Busterminal bei Arad in Rumänien, eine Grenzstation zwischen Moldawien und der Ukraine, eine Schiffstation und der Schwarzmeer-Hafen von Sevastopol, mehrere in Bau begriffene und behelfsmäßig eingerichtete Terminals im russischen Sochi (für die Olympiade bis 2014) sowie ein Terminal in unmittelbarer Nähe von Wien.

Bei unseren empirischen Recherchen setzen wir uns qualitativ mit den individuellen Mobiliätserfahrungen und den Erfahrungen der Akteure, die sie im Zuge ihrer Tauschhandelsbeziehungen und im Laufe ihrer Gemeinschaftsbildungen an den Terminals machen auseinander. Quantitativ ziehen wir statistisch erfasste Daten wie beispielsweise Verkehrsfluss an den Terminals vorbei und durch diese hindurch heran.

Zum anderen verbinden wir unsere Recherchen mit wissenschafltichen Theorien und Projekten, die im Zusammehang mit (Akteurs-) Netzwerken stehen. Bei der Auseinandersetzung mit heterogenen Netzwerken aus Akteuren, Räumen, Artefakten, Dingen, Zeichen, Normen, Organisationen, Texten und vielem mehr, erscheint der Ansatz der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), besonders produktiv. Bruno Latour spricht von einem „Kollektiv“ (2000) menschlicher und nicht-menschlicher Akteure. Dinge und Artefakte bilden im Sinne der ANT Mischwesen, techno-soziale-semiotische Hybride, die sich in dauernd sich verändernden Netzwerken selbst organisieren. Wenn Akteure sich in Netzwerke einfügen, ergeben sich Relationen, Verbindungen und Beziehungen, die durch Prozesse verschiedener Art eingegangen, aufgelöst, transformiert und fixiert werden.

Vernetzung / Kooperation

Entscheidend für eine produktive Verbindung aus empirischer Recherche und theoretischer Auseinandersetzung ist der Austausch mit ExpertInnen aus verschiedenen Wissensfeldern. Dem Austausch möchten wir im Rahmen des Projektes eine geeignete Plattform bieten und in diesem Spannungsfeld die ethnografisch inspirierten Recherchemethoden sowie die von uns bisher angewandten Visualisierungstechniken weiterentwickeln.

Über den Austausch mit den KooperationspartnerInnen bezieht das architektonisch/ künstlerische Projekt von Beginn an Zugänge, Methoden und Perspektiven aus Ethnographie (Feldforschung, qualitative Interviews), Architektur (Plandarstellung, Bestandsanalysen, projektive und konzeptionelle Entwürfe), Geographie (Karten, Statistiken, Ökonomische Eckdaten) und Psychogeographie (Mind Mapping, Derive) oder den Theaterwissenschaften (postdramatische Inszenierungsformen) mit ein.

Projekt-Ablauf

Über die gesamte Projektdauer strukturieren gemeinsame, öffentliche Workshops (und Lectures) den Prozess der Wissensproduktion. In mehreren Zwischenstufen wird aus dem recherchierten Material und dem Input der KooperationspartnerInnen eine Serie von künstlerischen Installationen, Zeichnungen, Diagrammen und Modellen entwickelt. Anstatt das Material der empirischen Recherchen in Ordnern zu sammeln, wird dieses gewichtet, künstlerisch überhöht und in einer Art Laborsituation in installative Settings übersetzt. Diese Sets werden zum zentralen Format und zur Grundlage für die transdiziplinäre Kommunikation nach innen und nach außen, gegenüber den ForschungspartnerInnen und den Beforschten.

Die künstlerischen Visualisierungen der Zwischenstände werden stets auch an die Orte der Recherche zurückgespielt und den InterviewpartnerInnen vor Ort in Workshops präsentiert. Basis dafür bilden ephemere dreidimensionale Rauminstallationen die vor Ort aufgebaut werden (Bspw. als Reisebüro, als dreidimensionale Wegenetze und Timelines auf Anhängern usw.). Über die kleinen künstlerischen Interventionen wird eine Feedbackschleife in Gang gesetzt, deren Ergebnisse in die folgenden Überarbeitungsphasen einfließen. Mit den gebastelten/ gezeichneten Darstellungen versuchen wir Vertrauen gegenüber den beforschten Akteuren herzustellen. Als Anreiz mir Inputs und Informationen zu geben, übergebe ich meinen GesprächspartnerInnen im Tausch Zeichnungen und Comics in die ihre eingebrachten Erzählungen eingearbeitet wurden.

Zur Beratung zu den sozialräumlichen Zusammenhängen am jeweiligen Ort werden wir versuchen lokale Mobilitäts-, Migrationsexpertinnen mit ein zu binden. Im Austausch mit ihnen werden wir auch unsere eigene Mittel- bzw. Zentraleuropäische Perspektive zur Diskussion stellen. Die künstlerischen Setzungen, Inszenierungen und Überschreitungen sollen dabei aber auch helfen, bloß harmonisierende Gesprächsrunden zu überwinden.

Das Forschungsprojekt wird gefördert von Bmukk, Abt. 7, interdisziplinäre Kulturprojekte
Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten
Land Oberösterreich, Institut für Kunst und Volkskultur