Mapping Mobilities. Programm

LECTURE I

Mittwoch, 3. Oktober 2012, 19 Uhr
Ort: Depot, Breite Gasse 3, 
1070 Wien

Michael Hieslmair und Michael Zinganel

Stop and Go

Eine Einführung in Theorien und Methoden der „Kartographie“ transnationaler Mobilitäts- und Migrationsströme mit Fokus auf formelle und informelle Haltepunkte transnationaler Verkehrskorridore. Diese Netzwerknoten bilden unterschiedlich kontrollierte liminoide Orte der Mobilität, an denen Akteure mit unterschiedlichsten Motiven, Mobilitätsformen, -Modi und -Rhythmen aufeinandertreffen. Parallel zu den geplanten und kontrollierten Terminals die sich – den Anforderungen der transnationalen Märkte folgend – rhizomatisch ausdehnen oder zusammenziehen, entstehen entlang der Haupt- und Nebenrouten eine Reihe von inoffiziellen, informellen und ephemeren Haltepunkten, an denen Akteure mit unterschiedlichsten Motiven Routinen und Rituale entwickeln, sich in ihrer multilokalen Existenz einzurichten. Hier sammeln sich die „Kriechströme“, wickeln die „Ameisenhändler“ (Karl Schlögel) ihre informellen Geschäfte ab, bilden sich Heterotopien für die weniger beachteten Akteure bilden. Zinganel/Hieslmair et al. untersuchen (seit 2007) Netzwerkknoten an PAN-Europäischen Verkehrskorridoren und entwickeln vor Ort (und in Ausstellungen) Wegenetzskulpturen, deren Routen sowohl mikropolitische Narrative der Akteure en route als auch die makropolitischen Einflüsse auf den gezeigten Raumausschnitt kommunizieren.

Michael Zinganel und Michael Hieslmair, Künstler, Architekturtheoretiker, Kuratoren, Wien

 

Ursula Biemann

Sahara Chronicles

Anhand der Videoessays Sahara Chronicle stellt die Künstlerin ihre investigative Videopraxis zur Diskussion, die sich im unbenannten Intervall zwischen Kunst, Politik und Theorie verortet. In einer eigenen ästhetischen Sprache erforscht sie die umstrittenen Territorien der Welt und entwirft eine komplexe humane Geographie der globalen Mobilität mit all ihren Nebenwirkungen und undokumentierten Bewegungen. Im Versuch die anschwellenden Migrationsflüsse in den Griff zu kriegen kommen europaweit kollossale Grenz- und Abwehrmechanismen zum Einsatz. Dieser Trend hat in der Kunst eine Faszination mit Kontrolltechnologien und repressiven Grenzregimes ausgelöst, deren kritische Wirkung auch wieder fraglich ist. Im Gegenzug dazu untersuchen die Video-Erkundungen von Ursula Biemann durchwegs Gegengeografien die sich durch verdeckte Operationssysteme, innovative Widerstandspraktiken und migratorische Selbstbestimmung herausbilden. Mit dem Betreten von off-limit Zonen, geheimen Leitwegen, klandestinen und virtuellen Territorien visualisieren die Videos eine subversive geografische Praxis und gehen der Frage nach, inwiefern sich Künstler und Künstlerinnen in diese symbolische und materiellen Räume einschreiben können.

Ursula Biemann, Künstlerin, Theoretikerin und Kuratorin, Zürich

 

LECTURE II

Dienstag 23. Oktober 2012 19 Uhr
Ort: Kunsthalle Exnergasse, WUK Währinger Straße 59, 1090 Wien

Emiliya Karaboeva

The socialist international truck drivers and the social implications of their mobility lifestyle

The project deals with the group of the socialist international truck drivers in the framework of the Cold War regime of separation. The truck drivers’ privileged access to cross border travelling is analyzed in the framework of the motility theoretical concept, as an important material, social and symbolical resource. The truckers’ specific lifestyle enabled them to profit in a number of ways: enhanced their social status (the socialist truckers developed a special in-between status, combining a humble social position with high-rank privileges) and changed their identity, world-view, and their families’ lifestyle.

Emiliya Karaboeva, Faculty of Cultural Studies at Sofia University, Historian currently finishing her second PhD at Eindhoven and Plovdiv Universities

Jörg Karrenbauer/ Rimini Protokoll

Cargo Sofia-X. Eine europäische LastKraftWagen-Fahrt

Stefan Kaegis LastKraftWagen ist ein gelebtes räumliches Modell für orts-spezifische Erkundungen entlang der Warenströme. Im Frühling 2006 wird ein Lastwagen so umgebaut, dass er statt Ware Erzählungen transportiert. Der Lastwagen dient zwei bulgarischen Fernfahrern, dem Regisseur, einem Video- und einem Sounddesigner als Beobachtungs- und Repräsentationsvitrine ihres nomadischen Blicks auf Europa. Der LKW ist mobiler Zuschauerraum mit einem Schau-Fenster auf einer Seite des Trucks. Wo Ware war, sitzen nun 45 Zuschauer und blicken während einer 2stündigen Reise aus der Perspektive von Lastwagenfahrern auf ihre Stadt: Autobahnraststätten, Verladerampen, Gemüsegrossmarkthallen, Häfen, Grenzposten, Lagerhallen… In diesen Ready-Made-Bühnenbildern des Transits erzählen die Fernfahrer ihre mobilen Biographien und Frachtgeschichten in autobahntypischem Bulgarisch-Englisch-Deutsch via Mikroport – und im Dialog mit lokalen Gemüseverkäufern oder Spediteuren, Zollbeamten oder Lageristen.

Jörg Karrenbauer arbeitet seit 2003 als Co-Regisseur bei verschiedenen Projekten von Rimini Protokoll mit. Über zwei Jahre tourte er mit Cargo Sofia-X und den beiden bulgarischen LKW-Fahrern durch mehr als 30 Städte in Europa und dem Nahen Osten und seit 2009 in Asien.

http://www.rimini-protokoll.de/website/de/project_108.html

 

LECTURE III

Dienstag 13. November 2012 19 Uhr
Ort: TU Wien/ Kontaktraum, Gusshausstrasse 25-29/ DG, A-1040 Wien
Als Navigationshilfe zur Anfahrt siehe den Link in Google Maps

Uwe Rada

Terminals. Beobachtungen zwischen Berlin und Minsk

Die Achse zwischen Berlin und Moskau hat Karl Schlögel einst als “Metropolitan Korridor” beschrieben. Vor allem in der Nacht und aus der Vogelperspektive zeige sich ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Die globale Zeit an den Knotenpunkten des Korridors – und die Zonen der Rückständigkeit, in denen man noch lebe wie im 19. Jahrhundert. Das ist die Perspektive auf diesen Raum, wie sie in den neunziger Jahren en vogue und vielleicht auch zwingend war: eine Perspektive auf eine vermeintliche Transformation, die ins Stocken geraten war. Inzwischen aber erleben wir auch zwischen Berlin und Moskau ein Europa der sehr vielen Geschwindigkeiten. Es gibt Boomtowns entlang des Korridors, aber auch an seinem Rande. Und auch entlang der Achse, die zu den transnationalen Verkehrsachsen der EU gehört scheint mitunter die Zeit stehen geblieben. Nicht mehr nur der Korridor bestimmt die Produktion von Zeit und Raum, sondern die globale Ökonomie, die in Deutschland ebenso wie in Polen und Belarus wachsende und schrumpfende Räume hervorbringt. Auf seiner beobachtenden Reise zwischen Berlin und Minsk berichtet der Journalist und Autor Uwe Rada von Grenzen und Grenzüberschreitungen, die nicht nur das wirtschaftliche Überleben zum Thema haben, sondern auch konkurrierende Geschichtspolitiken und neue regionale Identitäten. Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die Flüsse Oder und Memel, die emblematisch für diesen Teil Europas stehen: Die Oder hat ihre Rolle als Grenzfluss überwunden; an der Memel sind neue, unüberwindbare Hürden entstanden.

Uwe Rada, Berlin ist ehemaliger LKW Fahrer, in Urbanismus- und Mobilitätstheorien kompetenter Redakteur der »taz« und Buchautor u.a. zur Geschichte Osteuropas, zuletzt »Die Memel« (Siedler 2010).
http://www.uwe-rada.de/ 

 

Alissa V. Tolstokorova

Where Have all the Women Gone? International Economic Mobility of Ukrainian Women

Ukrainian society is facing an intense labour migration exodus towards the West – over last years increasingly by women. Alissa V. Tolstokorova explores the effect of international labour migration on the situation of Ukrainian women and transnational families. Drawing from results of field research, she shows that the absence of possibilities for self-realisation of Ukrainians at home turns employment abroad into a hereditary family business and a quasi-profession which entails the formation of multi-generational migratory dynasties, shaped by means of migration patterns of estafette and snow-balling. Alissa argues that labour mobility has a dramatic impact on both migrant women and their families. The adverse effect for women is the lack of gender dividends and negative gender saldo of transnationalism. The salient impact on the family is in promoting mercantilisation and consumerisation of interpersonal relationships, decline of kinship ties and lessening of family integrity overall. Her general conclusion is that low-status labour migration contributes to disempowerment of Ukrainian women, and has the effect of “social surgery” on family connections. Hence, it is destructive for the family as a social institution.

Alissa V. Tolstokorova from Kiev/Ukraine, renowned gender expert specialized in work-related migration by women

 

LECTURE IV

Dienstag, 11. Dezember 2012, 19 Uhr
Az W Architekturzentrum Wien, Museumsquartier, 1070 Wien

Regina Bittner

Transit Spaces

„Transitraum” ist eine Metapher für die überaus komplexen gesellschaftlichen und räumlichen Umbrüche in Mittel- und Osteuropa, die mit dem Zusammenbruch des „Eisernen Vorhangs“ verbunden sind. In Folge gesellschaftlicher Transformation in den ehemaligen sozialistischen Ländern und einem damit einhergehenden globalen Strukturwandel folgten radikale Veränderungen auch im urbanen Raum. Darüber hinaus hat die EU-Osterweiterung 2004 das komplexe Gefüge der Grenzgeografien in Osteuropa erneut radikal beeinflusst. Das Projekt des internationalen Bauhaus Kollegs V „Transiträume“ beschäftigte sich mit postsozialistischer Urbanisierung am Beispiel ausgewählter Stationen entlang des Korridors Berlin – Moskau. Den Forschenden boten sich überraschende Einsichten in die Neuformierung der Räume entlang der deutsch-polnischen Grenze, sie verfolgten veränderte Handelswege oder fragten nach der Neujustierung von Nachbarschaft und dem sozialen Sinn russischer Plattenbausiedlungen. In der darauffolgende Publikation wurden diese Studien durch Beiträge zum osteuropäischen Kapitalismus, zum Wandel der populären Kultur oder zu neuen Mustern von Re- bzw. Suburbanisierung ergänzt. Damit können die Fallstudien und Reflexionen nicht nur aktuelle Einsichten in die unterschiedlichen Transformationspfade dieser Städte vermitteln, sondern sie werfen auch die Frage auf, inwieweit sich hier bereits Prozesse im Zeitraffer vollziehen, mit denen die westeuropäische Stadtentwicklung in Zukunft konfrontiert sein wird.

Regina Bittner, Dessau, ist Kulturwissenschaftlerin, Publizistin und Leiterin des Bauhaus Kolleg, der internationalen Postgraduate Akademie der Stiftung Bauhaus Dessau. Projekte u.a.: Transit Spaces, Transnational Spaces, UN Urbanism, etc.
 

Die Reihe wird 2013 fortgesetzt.