Dérive – Themenheft: Korridore der Mobilität – Knoten, Akteure, Netzwerke

31. Juli 2016

Im Mobilitätskontinuum (Auszug aus der Einleitung)

In einer sich zunehmend globalisierenden Welt sind immer mehr Menschen gezwungen, immer mehr Zeit unterwegs zu verbringen. Die Distanzen von Transportrouten, die Wege, die ArbeitsmigrantInnen und PendlerInnen zurücklegen müssen, wachsen, Fahrzeuge werden daher zunehmend zum Arbeitsort oder sogar zum persönlichen Behausungsersatz. Für die vielen mobilen Subjekte sind Orte, an denen der Verkehrsfluss aus unterschiedlichen Ursachen anhält oder abgehalten wird – wie Bus-Terminals, Parkplätze für den internationalen Last­kraftwagenverkehr (TIR), Logistik-Zentren, Grenz-Stationen, Autobahnraststätten, formale und informelle Märkte entlang der Straßen –, Schwellen in der Mobilitätslandschaft. An solchen Knotenpunkten lassen sich sowohl Strategien staatlicher und suprastaatlicher Institutionen und großer Unternehmen ablesen, wie sie Mobilitätsströme kontrollieren, als auch die unterschiedlichen Routen, Motive und Mobili­täts-Biographien der sie passierenden AkteurInnen. Mitunter verwandeln sich dabei anthropologische Nicht-Orte (Augé 1995) (an denen bestenfalls Objekte miteinander kommunizieren) zu intimen Ankern im Alltag der multilokalen Existenz hochmobiler Subjekte, an denen diese Rituale und Routinen zu entwickeln versuchen, um sich zu erholen, Kontaktaufnahmen an die Ziel- und Quellregionen in Gang zu setzen, aber auch um vor Ort fragmentierte Gemeinschaften zu pflegen.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelten sich entlang der Straßen-Korridore zwischen dem vormaligen Osten und dem Westen die Kriechströme der Ameisen­händlerInnen, der unzähligen KleinhändlerInnen, die – Karl Schlögel (2009) zufolge – die Wiedervereinigung Europas von unten vorangetrieben hätten, noch bevor mit EU-Mitteln die Infrastrukturen ausgebaut wurden und die großen Lo­gistik-Unternehmen ihre riesigen Warenumschlagplätze und Hubs errichtet haben.

Diese Knoten sind Bestandteile einer neuen Form von dynamischer Urbanität (Bittner 2006). Sie sind jedoch nicht immer permanente Einrichtungen, sie werden mitunter obsolet, verwahrlosen bzw. werden durch neue Knoten ersetzt. Informelle Knoten können formalisiert und kontrolliert werden und an anderen Orten können neue informelle Knoten entstehen. Aktive Knoten repräsentieren »polyrhyth­mische« Ensembles (Crang 2001, Lefebvre 2013) aus statischen Architekturen, mobilen Objekten und Individuen, die abhängig von den täglich, wöchentlich oder saisonal wechselnden Rhythmen des Verkehrsflusses zu unterschiedlichen Nutzungs­dichten anwachsen und schrumpfen. Solche Knoten sind auch keine singulären Entitäten, sondern Bestandteile eines Netzwerkes aus mehreren Knoten, die jeweils Stationen einer Tour von Individuen oder Objekten darstellen.

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Inhaltsverzeichnis des Themenschwerpunktes:

Stop and Go – Knotenpunkte transnationaler Mobilitätsnetzwerke
Michael Zinganel

Grenzlogistik Nickelsdorf. Erstversorgung an der Balkanroute [Insert]
Michael Hieslmair, Gerhard Zapfl

Korridore nach Wien. Postsozialistische Transformationen an den Wiener internationalen Busbahnhöfen
Michael Hieslmair

Von Guangdong nach Wólka Kosowska. MigrantInnen im transnationalen Handel
Katarzyna Osiecka , Tatjana Vukosavljević

Networking Eurasia – Bulgarian International Truck Drivers and SO MAT During the Cold War
Emiliya Karaboeva

Patchwork Urbanism – Transnationale Räume der Bekleidungsproduktion in der Region Istanbul
Anke Hagemann, Elke Beyer

Lines of movement connecting Tallinn’s old harbor and the city
Tarmo Pikner

Der letzte Europäer
Juan Moreno, Thomas Grabka