Colliding Worlds. Arbeiten und Kuenstler_innen

Katharina Copony (A/D)
Oceanul Mare
Film, Betacam SP auf DVD, 2009
80′

„Im Ozean ist es so: Grosse Fische essen kleine Fische. Der Geschäftsozean bedeutet, dass es sehr hart und schwer ist. Wenn du nicht aufpasst, wirst du gefressen und ertrinkst im Ozean! Wenn du Erfolg hast, bist du ein Segel, das wie ein triumphierendes Segelboot über den Ozean segelt!“

Im Zentrum stehen drei in den frühen neunziger Jahren in Bukarest eingewanderte Chinesen. Der Film folgt ihren Spuren durch die rumänische Metropole und ihren unterschiedlichen Verbindungen zum größten China-Markt Europas an der Bukarester Peripherie. Episodenhaft begleitet er die Protagonisten in ihr von starken Kontrasten geprägtes alltägliches und geschäftliches Umfeld und erzählt dabei vom Fremd-Sein, von kulturellen Verschiebungen und der Herausforderung, in Unbekanntes einzutauchen und sich dabei selbst immer wieder neu zu erfinden.

Synopsis

„In Oceanul Mare erscheint das Meer als eine Metapher. Unvermittelt öffnet sich der Blick auf eine graue, endlose Weite. Zum Rauschen der Wellen erzählt eine Stimme vom Risiko, bzw. der existenziellen Verlorenheit, die das Leben und Überleben in der Fremde mit sich bringen kann. In einer anderen Einstellung blickt die Kamera durch ein Fenster, vor dem ein Aquarium steht. Dies bemerkt man jedoch erst, als sich plötzlich ein Fisch auf der Bildfläche zeigt, der schwimmend “auf dem Weg nach oben” ist, während man durch die Scheibe hindurch auf einen trostlosen Wohnblock schaut.“

Text (Auszug): Thomas Groetz

 

Katharina Copony *1972 in Graz, lebt und arbeitet in Wien und Berlin. Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien und an der Hochschule der Künste in Berlin. Sie war ARCUS Artist in Residence in Moriya, Japan (1998). Atelierstipendien für künstlerische Fotografie führten sie nach Rom (2002) und London (2003).
Filme u.a.: Oceanul Mare (2009); Il Palazzo (2006); Kanegra (2004); der wackelatlas – sammeln und jagen mit H. C. Artmann (2001).

Josef Dabernig (A)
WARS
16mm auf MPEG4, s/w, 2001
09’.40’’

Geschäftsflaute im Speisewagen eines Fernzuges: Kellnerin, Kellner und Koch harren der Dinge und vermitteln das indifferente Phlegma von Erschöpfung und Unterbeschäftigung. Sie lümmeln in der unruhigen Garnitur wie eine Schiffsbesatzung in der Sonnenglut; kommunikationsarm wie sie sind, stellen sie kaum mehr als die Erweiterung des Interieurs dar.

Jede Aktion erscheint passiv, durch das Fahrwerk, die Gleisbeschaffenheit, die Streckenführung, das Raumklima usw. konditioniert. Doch scheint eine der Personen wichtige Schreibarbeiten zu erledigen! Bilanzen, Umsätze(?) werden in einen Rechner getippt. Ansonsten nur Sitzen und Warten in Rauchschwaden, während die Landschaft fast forward hinter den Gardinen vorbeizieht.

Spät, aber doch, kommt Leben in den Waggon: Keine Kundschaft – nein – aber die Putzmittel werden geholt, Kübel und Fetzen vorbereitet. Die Fahrt scheint zu Ende zu gehen, wie sonst wäre das exzessive Wischen und Polieren der Drei, zuerst stehend, dann auf den Knien und unter den Tischen zu erklären.

Text: Josef Dabernig
Regie, Buch, Schnitt, Ton und Produktion: Josef Dabernig
Kamera: Christian Giesser
Darsteller: Josef Dabernig, Ingeburg Wurzer, Otto Zitko
Courtesy: der Künstler und Galerie Andreas Huber

 

Josef Dabernig, *1956 in Kötschach-Mauthen, lebt in Wien. 1975-1981 Studium der Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste Wien. Filme seit 1996.
Einzelausstellungen u.a.: MAK, Wien (2010); MNAC Bukarest; Galerie im Taxispalais, Innsbruck (2006); GfZK Leipzig (2005); Grazer Kunstverein (2004); BAK, Utrecht (2003); Contemporary Art Center, Vilnius (2002).
Beteiligungen an der Gwangju Biennale (2012); an den Venedig Biennalen von 2001 und 2003; an der Manifesta 3 in Ljubljana (2000).
Monographien erschienen in der Reihe Christoph Keller Editions bei JRP|Ringier (2008) und im Verlag der Buchhandlung Walther König (2005).

Carolin Hirschfeld (D)
Spedition Schulz
Installation, 2009

Die Installation verfolgt Verbindungen von Akteuren zwischen München und Afrika, die durch das Verschicken von Autos hergestellt werden. Dabei geht die Arbeit in akribischer Feldforschung den ökonomischen Transaktionen sowie den Wegen der Fahrzeuge nach und macht die transnationalen, familiären, sozialen und ökonomischen Pfade sichtbar, die vom Speditionsplatz ausgehen. Denn mit den gehandelten Waren werden nicht nur kleine und größere Gewinne gemacht. Der Warenhandel dient vielmehr der Beziehungspflege zu Familienangehörigen und Freunden im Herkunftsland und wird damit zu einer wichtigen ökonomischen Überlebensressource für die zuhause Verbliebenen. So erzählen die Autos, die z.B. über Antwerpen afrikanische Häfen ansteuern, nicht nur eine post-koloniale Geschichte von historischen Handelsnetzwerken und ungleichen Tauschbeziehungen, sondern über die Mikroökonomie eines Speditionsplatzes auch die Geschichte afrikanischen Lebens in München.

Mehrere von den Interview-PartnerInnen gezeichnete und zu einer großformatigen Wandtapete zusammengefügte Mental Mappings zeigen Ausschnitte aus dem komplexen Wege- und Beziehungsnetzwerk der Akteure, welches durch gegenseitige Loyalitäten und stetige Tauschverhältnisse aufrecht erhalten wird. Die Akteursperspektiven erschließen sich über eine Serie von Audiospuren, die im O-Ton Ausschnitte aus mehreren biografischen Interviews mit Akteuren auf dem Platz der „Spedition Schulz“ wiedergeben. Ein Bilderfries zeigt während der Feldforschung entstandene Fotografien. Alle Bestandteile zusammen bilden dabei keine nahtlose, chronologische Erzählung, sie geben vielmehr episodenhaft Perspektiven aus der Realität der Akteure wieder.

Carolin Hirschfeld * 1973, lebt in München studierte Ethnologie an der LMU München und Fotografie an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign, München.
Mit ihrem Projekt „Spedition Schulz“ war sie wissenschaftlich und künstlerisch Mitwirkende der Gemeinschaftsausstellung „Crossing Munich – Orte, Bilder und Debatten der Migration“. Diese wurde 2009 vom Kulturreferat München zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität München realisiert.
Im Sammelband „Afrikabilder im Wandel“, ein Stipendien-Projekt der Hans-Böckler-Stiftung, erschien 2011 ihr Aufsatz „Gebrauchtwarenhandel München – Westafrika – ein transnationaler, sozialer Raum“.

Heimo Lattner (D)
A Bird does not sing because it has an answer
Installation, 2008-2012

Die Rauminstallation besteht aus Material, das der Künstler 2008 während eines dreimonatigen Aufenthaltes in Peking gesammelt hat. Aufgrund der beschränkten sprachlichen Kommunikationsmöglichkeiten wählte Lattner die Position des außenstehenden Beobachters. Gleichzeitig ist er sich der Problematik durchaus bewusst, die bei dem Versuch, einen repräsentativen Ort wie den Platz des Himmlischen Friedens zu filmen, aus einer Position der Distanz resultiert. Die Frage, aus welcher Position heraus es überhaupt möglich und legitim ist, zu repräsentieren, steht im Zentrum seines Arbeitsprozesses. Die gesammelten visuellen und akustischen Eindrücke konzentrieren sich auf Orte und kulturelle Gepflogenheiten an der Schwelle ihres Verschwindens. Oft waren es Stadtrandenklaven, die heute vermutlich bereits verschwunden sind, weil sie dem Druck des Wirtschaftswachstums im neuen China nicht standhalten konnten. Ist der Kollaps sozialer Strukturen die Konsequenz? Ein anderer Baustein der Arbeit sind Tonaufnahmen von Liedern, welche die Kulturrevolution überdauert haben und von alten Menschen bei ihren sonntäglichen Treffen noch heute gesungen werden. Aber schon die kommende Generation wird diese Lieder nicht mehr singen.

Text (Auszug): Hili Perlson
Heimo Lattner, *1968 in Eisenstadt, lebt in Berlin, entwickelt Arbeiten, welche ein verändertes Bewusstsein für die komplexen Zusammenhänge und verborgenen Qualitäten von Orten schaffen sollen. Dabei kommt es zu vielschichtigen Verknüpfung von Raum, Rezipient_innen, Bewegung und Narration. Es handelt sich dabei oft um komplexe und teilweise atmosphärisch dichte Hörspiele, Performances, Filme und Textarbeiten, die sich in unterschiedlichen inszenierten Setzungen manifestieren. Grundlage dafür bilden Recherchen hinsichtlich jener gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die Ausformung und die Wahrnehmung städtischer Räume bilden. Konkrete Untersuchungsbereiche hierbei sind prekäre Themen wie Besitz und Lokalpolitik, Umwertung von Stadtvierteln, Migration/Exil, Tourismus und Topographien sowie der Mythos Nacht.
Ausstellungen u.a.: Massachusetts Museum of Contemporary Arts, North Adams; Wexner Center for the Arts, Columbus Ohio; ICA, London; MoMA PS1, New York; 8th Sharjah Biennale; Akademie der Künste, Berlin; Whitechapel Gallery, London; Shedhalle, Zürich; Kunstpavillon, Innsbruck; Kunstverein, Arnsberg.

Michael Hieslmair (A) | Michael Zinganel (A)
EXIT Karlsplatz. Alltag im Labyrinth
Audioskulptur, 2008

Der Karlsplatz ist einer der bedeutendsten innerstädtischen Verkehrsknotenpunkte der Stadt Wien, der allein auf den drei unterirdischen U-Bahnrouten täglich von 300.000 Passagieren durchquert wird. Der Platz erschließt bedeutende Kultur- und Bildungseinrichtungen (beispielsweise die Oper, das Konzerthaus, die Secession, die Technische Universität und das Wien Museum) und Konsumzonen (den Naschmarkt, die Kärtnerstraße, das Freihausviertel usf.). Die medial kommunizierte Wahrnehmung wird jedoch vor allem von seinem Image als Treffpunkt von Drogen- und Medikamentenabhängigen dominiert.

Die Arbeit repräsentiert ein sozialräumliches Modell des Karlsplatzes, in dessen Zentrum das labyrinthartige Netzwerk aus unterirdischen Tunnelröhren, Verbindungsgängen und Passagen steht, das sich um den Kreuzungspunkt der drei U-Bahnlinien spannt. In diesem Modell werden aber nicht nur die Präsenz von Randgruppen, die potentiellen Angsträume und Zonen des Konflikts, sondern vor allem auch die alltäglichen Wege von Akteuren aus unterschiedlichen sozialen Milieus nachgezeichnet, die sich hier kreuzen, einander passieren und die den Platz mit ihren jeweiligen Quell- und Zielregionen verbinden, die mitunter weit über den Karlsplatz hinaus weisen.

Mit dem Modell wird den fest im mentalen Stadtplan verankerten Zuschreibungen, die den Karlsplatz als Angstraum ausweisen, die beispielhafte Darstellung der Raum-Zeitorganisation von Akteuren gegenübergestellt, die gelernt haben, sich aus dem Weg zu gehen oder am Platz zu unterschiedlichen Zeiten permeable Raumzonen für sich und ihre Subkultur zu aktivieren.

Sprecher: Franz Kaida, Haltestellenansager der Wiener Linien (in Rente)
Courtesy: Wien Museum
Michael Hieslmair *1974 und Michael Zinganel *1960 leben als Kulturwissenschafter, Architekturtheoretiker, Künstler und Kuratoren in Wien. Gemeinsame Workshops, Konferenzen, Ausstellungen und Ausstellungsbeiträge über transnationale Mobilität, Massentourismus und Migration, u. a. bei Shrinking Cities II, GfzK Leipzig (2005); Fluchtwege und Sackgassen, Festival der Regionen (2007); Artist on Tour. Sehnsuchtsdestinationen im Wandel. Akademie der bildenden Künste Wien (2008); Crossing Munich, Orte, Repräsentationen und Debatten über Migration in München LMU und Rathausgalerie München; Open Cities, 4. Internationale Architektur Biennale Rotterdam, Nai Rotterdam (2009); B1|A40 Die Schönheit der großen Strasse, Europäische Kulturhauptstadt; Rotor, steirischer herbst Graz (2010); Mapping Mobilities, Open Space, Wien (2012).
Gegenwärtig arbeiten sie an einem Projekt über Knotenpunkte entlang der PAN-Europäischen Verkehrs-Korridore mit besonderem Fokus auf den Schwarzmeerraum.
http://mhmz.at/

Plinio Avila Marquez (D/ MEX)
Boarding Passes | Wiener Linien
Zeichnungsserien, 2005 bis 2012

Bis heute fertigte der Künstler insgesamt ca. 185 Zeichnungen auf den Abschnitten seiner Flugzeug-Bordkarten an. Die Bordkarte wird am Check-in Schalter bzw. am Automaten der jeweiligen Fluglinie ausgestellt und begleitet den Passagier auf seinem Weg durch den Terminal. Beim Passieren der zahlreichen Schwellen, an der Zutrittskontrolle in die Zollfrei-Zone, die Sicherheitszone, am Flugsteig wird der Passagier vom Personal dazu aufgefordert das Dokument – meistens in Kombination mit dem Reisepass – vor zu weisen. Am Sitzplatz im Flugzeug angekommen, ist von der Bordkarte nur mehr der Passagierabschnitt übrig. Der beim Bodenpersonal verbliebene Rest der Bordkarte dient der Fluglinie als Beweis, dass der Passagier den Flug auch tatsächlich angetreten hat.

An seinen Reisezielen angekommen zeichnet der Künstler weiter. Wieder verwendet er dazu das Stück Papier, das ihm auf seinem Weg in die Hände fällt – die Fahrkarte eines öffentlichen Verkehrsmittels. Indem der Künstler die Fahrkarte als gültiges Dokument mit seinen ‚Übermalungen’ dermaßen ‚entwertet’ stellt er ihren Wert und ihre Gültigkeit in Frage.

„Since 2005 I have divided my life in two. Spending two months in Mexico and two months in Europe – first Belgium, now Germany. In Mexico I am a lithographic printer and I’ve been director a print studio for 12 years. I collaborate technically with artists to create their limited editions. In Berlin I am a contemporary artist. At first it was difficult to cope with the constant and repeating jetlag and cultural shock: change of country, language, diet, friends, humour and the everyday life. With time, even my processes of thinking and personality would change from one place to the other. Now I understand that’s who I am and that’s precisely the only way my life functions and I am happy. The switch happens during the flight. On the little boarding passes, I make drawings of what I see. From general to particular: the horizon, the clouds, the airplane wings, the window and the seats. To represent the even more personal matters: memories, thoughts, ideas, emotions and motivations. These drawings represent the expectancy of the future and the feeling of “going somewhere” – literally and metaphorically.”

Plinio Avila Marquez, *1977 in Zacatecas, Mexiko, lebt Mexiko City und Berlin. Er arbeitet mit Malerei, Zeichnung, Fotografie und Video. Am Tamarind Institute, Albuquerque, USA absolvierte er eine Ausbildung zum Lithographen und studierte Kunst am HISK (Higher Institute of Fine Arts) in Antwerpen, Belgien. Er ist Gründer des „Museograbado Printstudios“ und von „MUNO. no-museum of Contemporary Art“.
Artist in Residence Aufenthalte u.a.: an der University of Kentucky, USA; Glasgow Print Studio, Schottland und bei der Fundació Joan Miró, Barcelona, Spanien.
Ausstellungsbeteiligungen u.a.: Freemen Gallery. Aardenburg, Niederlande (2012); Anouk Vilain Gallery, Einzelausstellung, Diepenbeek, Belgien (2011); Morelia, Mexico; The Transient Spaces NGBK Berlin (2010); Museum of Contemporary Art ‘8’, Einzelausstellung, Aguascalientes, Mexiko (2009); 
Pinta New York Artfair and FEMACO Artfair (2008).
http://www.plinioavila.com

Christoph Oertli (CH/B)
No Sunday No Monday
Video, DV auf DVD, 1997
58’

Ein Schiff fährt um die Welt. Während auf den Oberdecks die Suche nach dem Fremden die Menschen vergnüglich begleitet, arbeiten Stockwerke unter ihnen eben jene Fremden, die ihr Land verlassen mussten, weil die sozialen Verhältnisse dort ein Überleben nicht mehr garantieren konnten. Die Besatzung besteht aus über 300 Angestellten aus 21 Ländern, 3/4 davon aus den Philippinen. Hinter schweren Metalltüren führen schmale Treppen hinunter; jenseits der perfekt gestalteten Urlaubswelt für begüterte Passagiere befindet sich die beklemmende Unterwelt. Auf 180 Metern Länge und 25 Metern Breite drängt sich hier die Kehrseite einer eigentlichen Stadt auf hoher See. Der Film zeigt eine unbekannte Realität in Nahaufnahme, eine Welt im Kleinen, deren Bezüge zum Leben auf unserem Planeten, den das Schiff umfährt, nicht vielfältiger und aktueller sein könnten.

Der Filmemacher arbeitete viele Monate auf einem Kreuzfahrtschiff, wo er als Teil des bordeigenen Videoteams Erinnerungsvideos für die Passagiere drehte und schnitt. In dieser Zeit entstand eine sehr persönliche Dokumentation der Arbeits- und Lebensbedingungen „unter Deck“, in dem die Crewmitglieder verschiedenster Nationalitäten zu Wort kommen. Der Film bleibt konsequent hinter den Kulissen, wir sehen kaum etwas von der luxuriösen Welt, in der sich die Passagiere aufhalten. Die Crewmitglieder vermitteln uns, welches die Gründe sind, (ökonomische, persönliche) weshalb sie diese anstrengende, schlecht bezahlte Arbeit machen, sie erzählen uns von ihrem Heimweh, von ihren Sehnsüchten und von ihren persönlichen Beziehungen an Bord.

Assistenz: Ursula Läubli

 

Christoph Oertli *1962 in Winterthur/Schweiz, lebt und arbeitet in Basel und Brüssel, realisiert Videos, Videoinstallationen und Dokumentarfilme. Er studierte an der HGK Zürich Grafik, an der HGK Basel Audiovisuelle Gestaltung und absolvierte eine Ausbildung beim Schweizer Fernsehen in Zürich für Bühnenbild.
Ausstellungsbeteiligungen u.a.: Motorenhalle Dresden (2012); Cinèmathèque Montrèal, Kanada (2010); Transient Spaces, Künstlerhaus Bethanien, Berlin (2010); Kunsthalle Winterthur, Einzelausstellung (2008).
Teilnahme an verschiedenen Video- und Filmfestivals u.a.: VideoEx, Zürich; Invideo Milan; 2nd Intern.Video Art Festival, Prishtina/Kosovo; OutFest, Los Angeles; Inside Out, Toronto; MIX – The New York Lesbian and Gay Experimental Film/Video Festival; Microwave, Hongkong; VFA Macau; FIV, Buenos Aires.
http://www.christophoertli.ch/

Adrian Paci (I)
Centro di Permanenza temporanea
Video 16:9, Farbe, Ton, 2007
05’.30’’

Der Titel von Adrian Paci’s Video bezieht sich auf italienische Auffanglager, in denen als illegale Einwanderer aufgegriffene Migrant_innen festgehalten werden und die Abschiebung in ihre Herkunftsländer abwarten müssen. Die Auffanglager waren ursprünglich als Orte des Transits angelegt und nur für äußerst kurze Aufenthalte konzipiert. Mit der zunehmenden Dauer gegenwärtiger Asylverfahren verlängert sich für Asylwerber der Zeitraum eines Aufenthaltes in den provisorischen Notunterkünften.

Während die Camps ‚real‘ meist im Abseits und für den Großteil der Menschen nahezu im Unsichtbaren liegen, so sickern – ausgelöst durch krisenhafte Ereignisse – vereinzelt Bilder über die Zustände in den Camps an die Medien-Öffentlichkeit. Im Video wird der Flughafen als Referenz auf die italienischen Immigrations-Camps als temporäreres Zuhause dargestellt. Die Menschenschlange nähert sich einer auf dem Rollfeld abgestellten Flugzeug-Treppe. Es sieht so aus als würden die Menschen einer nach dem anderen in ein Flugzeug steigen. Haben sie es geschafft und können sie endlich ungehindert weiter in das von ihnen anvisierte Auswanderungs-Land reisen? Oder werden sie innerhalb von ein paar Flugstunden in das Land ihrer Herkunft abgeschoben? Erst in der nächsten Kameraeinstellung wird ersichtlich, dass die Treppe ins Leere führt. Als alle Personen dicht gedrängt auf der Treppe zu stehen kommen, rollt auf der Startbahn im Hintergrund eine Maschine vorbei.

Courtesy: der Künstler, Galerie Peter Kilchmann, Zurich und kaufmann repeto, Mailand

 

Adrian Paci *1969 in Shkoder, Albanien, lebt und arbeitet in Mailand. Er studierte an der Kunstakademie von Tirana und arbeitet mit Video, Fotografie, Malerei, Zeichnung, Skulptur und Installationen.
Einzelausstellungen u.a.: kaufmann repetto, Mailand (2012); Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galeria e Arteve Shkoder, Albania (2011); Centre Pompidou, Paris; Istanbul Museum of Modern Art (2010)
Gruppenausstellungen u.a.: Peter Blum Chelsea, New York; Galleria Nazionale, Pristina, Kosovo; Museum of the Seam, Jerusalem, Israel (2012); Zacheta – National Gallery of Art, Warsaw; Moscow Museum of Modern Art; Venedig Bienniale; lothringer13_halle, München (2011); Yerba Buena Center for the Arts, San Francisco; The Ludwig Museum, Budapest; Kunsthaus Graz (2010)

Barthélémy Toguo (F/ US/ CAM)
Transit
Fotoserie und Texte, 1996 bis 1999

Die Serie Transit basiert auf einer Reihe von inter- bzw. transkontinentalen Reisen des Künstlers im Zeitraum von 3 Jahren. Ausgestattet mit selbst hergestellten ‚außergewöhnlichen’ Artefakten/ Objekten, angezogen mit für die Situation ungewöhnlicher Kleidung oder völlig ‚unauffällig’, passierte der Künstler Sicherheits-Checks, nahm in Verkehrsmitteln Platz oder nahm verschiedene Rollen ein. Die Reaktionen seines jeweiligen Gegenübers fielen überraschend kurios aus. Im Nachhinein fasste er seine mehr oder minder erfolgreichen Versuche in einer Situationsbeschreibung zusammen – wie bspw. Folgende:

„At one point, I often commuted between France and Germany. I had just finished sculpting a very heavy hard-hat out of acacia wood, with a big X sign on the front that alluded to Malcolm X. Wearing this solid wooden helmet, I arrive at Düsseldorf airport. I get through German customs without trouble… The police don’t bat an eyelid. All is well. I get on the plane. I settle down. Suddenly everything gets complicated. A steward comes towards me and asks me to take my hat off. Apparently, unlike the security guards, the flight attendants consider someone wearing a wooden hat as potentially dangerous. I ask him why – to which he answers that I must remove it. I indicate someone sitting in front of me wearing a cap and express my surprise that they can keep theirs on their head. Furious, the steward reiterates his request without giving more explanations and adding that the plane will not take off until I have removed the hat. The conversation was starting to go around and around in circles… passengers then took sides: the plane had to take off; some pleaded an important meeting, others a connecting flight… Discontent was growing… I ended up relenting. The moment I put the hat by my side, the engine started up.“

Übersetzung: Caroline Hancock
Courtesy: der Künstler

 

Barthélémy Toguo, *1967 in Kamerun, lebt und arbeitet in Paris, New York und Bandjoun (Kamerun). Er studierte an der Formation, Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts d’Abidjan, Côte d’Ivoire, an der École Supérieure d’Art de Grenoble, Frankreich und an der Kunstakademie de Düsseldorf.
Einzelausstellungen u.a.: Robert Miller Gallery, New York; Frac île de la Reunion, Saint-Denis, Frankreich (2009); Mario Mauroner Contemporary Art, Wien (2008); Frac Provence-Alpes-Côte d’Azur, Marseille, Frankreich.
Gruppenausstellungen u.a.: Triennale de Paris; Eleventh Havana Biennial; Museum of Arts and Design, New York; Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco (2012); Museum of Contemporary Art KIASMA, Helsinki, Finnland; Palazzo Ducale, Genua, Italien; 8th Mercosul Biennial 2011, Porto Alegre, Brasilien (2011); Studio Museum Harlem, New York; Foto Museum Antwerpen, Belgien; Johannesburg Art Gallery, Südafrika; Kunsthaus Dresden; 17th Biennial of Sydney, Australien (2010).
http://www.barthelemytoguo.com/

Annette Weisser (D/USA) | Ingo Vetter (D)
Detroit Industries: Jax Carwash revisited
Fotoserie, 2000

Als wir im Jahr 2000 das erste Mal nach Detroit reisten auf der Suche nach Überresten der glorreichen Motor City, fanden wir – neben eindrucksvollen Ruinen, die in den letzten zehn Jahren reflexhaft wieder und wieder abgelichtet wurden – einige wenige festungsartig gesicherte Produktionsstätten und daneben den sogenannten zweiten Automobilmarkt: Den Handel mit Gebraucht- und Schrottwagen, Ersatzteilen und Reifen, sowie allerhand Dienstleistungen rund ums Auto wie Customizing, Speziallackierungen, Scheibentönen, etc. “Jax Carwash”, auf Woodward Avenue gelegen nördlich der 8 Mile Road, welche die City of Detroit von ihren wohlhabenden Suburbs abgrenzt, erschien uns damals wie eine grimmige Parodie auf die weggebrochenen, gut bezahlten Jobs in der Automobilproduktion: Manuelle Autowäsche wie am Fließband, streng arbeitsteilig und zeitoptimiert, nicht versteckt hinter Fabrikmauern, sondern als öffentliche Performance.

Ingo Vetter lebt und arbeitet in Bremen. Er ist Mitbegründer des „Detroit Tree of Heaven Woodshop“, beteiligter Künstler und Mitorganisator des Atelierprogrammes und Ausstellungsprojektes “Kirunatopia”. Von 2006 bis 2011 war er Professor für Skulptur und Raumkonzepte an der Umeå Academy of Fine Arts, seit 2011 ist er Professor für Bildhauerei an der Hochschule für Künste Bremen.
Einzelausstellungen u.a.: Centre d´Art Passerelle, Brest und Le Quartier, Quimper (2012); Survival Kit Festival, Riga und Goethe-Institut Stockholm (2011); Bildmuseet, Umeå (2010). Gruppenausstellungen der letzten Jahre: Bildmuseet, Umeå (2012); Städtische Galerie, Bremen (2011) und Künstlerhaus, Wien; Museum Sztuki, Lodz (2010).
http://treeofheavenwoodshop.com/

 

Annette Weisser lebt und arbeitet in Los Angeles und Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des „Detroit Tree of Heaven Woodshop“. Seit 2007 Assistant Professor am Art Center College of Design, Pasadena (Graduate Fine Art). Neben ihrer künstlerischen Arbeit zahlreiche Veröffentlichungen zu Kunst, Urbanismus und verwandte Themen in Texte zur Kunst, Springerin, SPEX, afterall und taz.
Einzelausstellungen u.a.: Reception Gallery, Berlin (2012); Reception Gallery, Berlin (2011). Gruppenausstellungen u.a.: JB Jurve, Los Angeles (2012); Arp Museum, Remagen (2011); Marabouparken, Sundbyberg, Sweden (2010); Van Abbe Museum Eindhoven (2008) und SMART Museum, Chicago (2009).
http://www.reception-berlin.de

Anna Witt (A/D)
Team West – Patrouillier mit mir!
3 Kanal Videoinstallation, 2006
20’

Am Wiener Westbahnhof begleitet die Künstlerin ein Security-Team auf seinem Rundgang durch das weit verzweigte Wegesystem des Terminals. Die Männer zeigen ihr strategisch wichtige Punkte, sprechen mit ihr über den Stellenwert der von ihnen eingenommenen Körperhaltungen und über die Bedeutung ihrer Uniformen.

Spätestens seit Ende der 1990er-Jahre gehören meist über Subunternehmen beschäftigte Securities zum fixen Bild auf den Bahnhöfen Mitteleuropas. Alleine schon durch ihre physische Präsenz und ihr Auftreten, sind die Sicherheitsleute per Auftrag dazu angehalten, den PassantInnen den im Rahmen der „Bahnhofsoffensive“ von der Bahn propagierten Slogan „3-S – Service, Sicherheit, Sauberkeit“ zu vermitteln. Im Gegenzug werden ‚Herumlungernde‘ vertrieben. Als Kontrast zur von Berufswegen eingenommenen (Körper-) Haltung versucht die Künstlerin in den Gesprächen mit den Wachleuten ihre jeweils eigene Interpretation ihres „Gefühls von Sicherheit“ frei zu legen und erfährt nebenbei einiges über die Komplexität der Beziehungen zwischen den Kontrollinstanzen vor Ort, zwischen Securities, deren Vorgesetzten, der Polizei, und den „Subjekten die da (vermeintlich) nicht hingehören“.

Im Anschluss daran findet ein Rollentausch statt. Die Künstlerin stattet im U-Bahn-Verteilergeschoss des Bahnhofs ‚Herumlungernde‘ mit von ihr selbstgemachten Uniformen aus und gründet ein eigenes Sicherheitsteam. Unter Beachtung der von den Sicherheitsleuten angewandten Strategien definiert dieses Team sein Auftreten.

Anna Witt, *1981 in Wasserburg am Inn (D), lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte 2002-2005 an der Akademie der Bildenden Künste München und 2005-2008 an der Akademie der Bildenden Künste Wien; 2007-2008 war sie Meisterschülerin bei Magdalena Jetelova.
Einzelausstellungen u.a.: Magazin4, Bregenzer Kunstverein; Raum für aktuelle Kunst, Luzern, (2011); Lothringer13, Städtische Kunsthalle München (2010); Galerie Michael Wiesehöfer, Köln (mit Julia Gröning), (2009). Gruppenausstellungen u.a.: Kunsthalle Wien, Project Space; Städtische Galerie Nordhorn; Museum of Business and Philanthropy, Moskau; Lux/ICA, Biennial of Moving Images, London; Open Space, Wien (2011); Columbus Art Foundation, Ravensburg; 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst; Seccesion, Wien; Museum Ludwig, Köln (2010); Rathaus Galerie, München (2009); Manifesta 7, Rovereto, Norditalien (2008).
http://www.annawitt.net/